Du stehst am Weidezaun. Dein Pferd grast friedlich, die Sonne scheint, und irgendwie sieht alles eigentlich ganz idyllisch aus. Und trotzdem nagt da etwas in dir. Dein Pferd ist – das weißt du eigentlich – zu dick. Und jetzt ist die Weidesaison schon in vollem Gange, und du fragst dich: Ist das okay so? Soll ich mir Sorgen machen?

Es lohnt sich tatsächlich, genau hinzuschauen, weil es einen Unterschied macht, ob dein Pferd einfach ein bisschen „gemütlich gebaut" ist oder ob da bereits ein Stoffwechselproblem dahintersteckt, das das Hufrehe-Risiko ernsthaft erhöht.

In diesem Beitrag zeige ich dir, ab wann Übergewicht beim Pferd auf der Weide zum Problem wird, was EMS und Insulinresistenz damit zu tun haben – und was du konkret tun kannst, um dein Pferd zu schützen.

Wie dick ist „zu dick"? Übergewicht beim Pferd erkennen

Das klingt einfacher, als es ist: Eine Studie von Furtado et al. (2021) hat gezeigt, dass Pferdebesitzer*innen das Körpergewicht ihrer Pferde häufig unterschätzen – und Übergewicht anfangs sogar als Zeichen von Gesundheit und guter Kondition wahrnehmen. Das zeigt, wie wichtig es ist, sich ein bisschen Werkzeug zum Einschätzen anzueignen.

Zwei Hilfsmittel sind dabei besonders nützlich: der Body Condition Score (BCS) und der Cresty Neck Score (CNS).

Der Cresty Neck Score

Der Cresty Neck Score beschreibt, wie viel Fett am Mähnenkamm eingelagert ist – und das ist aus Stoffwechsel-Sicht sehr aussagekräftig. Denn Kammfett ist kein harmloses Depotfett, sondern es ist eng mit Insulinresistenz und dem Equinen Metabolischen Syndrom (EMS) assoziiert.

Die Skala geht von 0 bis 5:

Wichtig

Ein CNS über 2 ist ein ernstes Warnsignal. Hier sollte man definitiv genau hinschauen.

Am besten bewertest du den Cresty Neck, wenn dein Pferd den Kopf gesenkt hält, also z.B. beim Grasen vom Boden. So siehst du die tatsächliche Verteilung des Fettes am besten.

Wo versteckt sich Fett? Die 6 Stellen, die du checken solltest

Nicht alle Pferde lagern Fett gleichmäßig über den ganzen Körper ein. Es kann gut sein, dass ein Pferd spürbare Rippen hat und trotzdem an den folgenden Stellen deutliche Fettdepots trägt:

  1. Am Mähnenkamm (Cresty Neck)
  2. An der Schulter bzw. hinter dem Schulterblatt
  3. In der Lendengegend
  4. Links und rechts vom Schweifansatz
  5. Rund um Schlauch oder Euter
  6. Oberhalb der Augen

Was Übergewicht mit dem Stoffwechsel macht

Übergewicht beim Pferd ist nicht bloß eine Frage der Optik. Übermäßiges Fettgewebe – vor allem wenn es sich regional an den oben beschriebenen Stellen ansammelt – ist stoffwechselaktiv. Es setzt proinflammatorische Botenstoffe frei, die den Glucoseregelkreis stören und die Insulinsensitivität der Zellen herabsetzen. Der Körper produziert also immer mehr Insulin, ohne dass die Muskeln und das Fettgewebe ausreichend darauf reagieren. Eine Insulinresistenz entsteht.

EMS

EMS steht für Equines Metabolisches Syndrom. Es ist eine Ansammlung von Symptomen, die auf einer Kombination aus genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren (vor allem Überernährung und Bewegungsmangel) basieren.

Das tückische ist, dass bei EMS auch die Leptinregulation außer Kontrolle gerät. Leptin ist jenes Hormon, das dem Pferd eigentlich signalisiert: „Ich bin satt, ich brauche nichts mehr." Bei EMS entwickeln viele Pferde eine Leptinresistenz – sie fühlen sich buchstäblich nie richtig satt, egal wie viel sie fressen. Das macht das Gewichtsmanagement deutlich schwieriger.

Ponies, Iberer und Kaltblüter sind besonders gefährdet. Es sind aber durchaus auch Warmblüter und Araber betroffen. Bei Ponyrassen ist die genetische Prädisposition für eine stärkere Insulinantwort auf Zucker besonders gut belegt.

Insulin: der eigentliche Schlüssel zur Hufrehe

Das, was weidebedingter Hufrehe tatsächlich zugrunde liegt, ist in den meisten Fällen keine Frage des Grases allein – es ist eine Frage des Insulins.

Die Zusammenhänge sind gut belegt. Eine Langzeitstudie an 443 Ponys (davon 72 % übergewichtig) über drei Jahre hat gezeigt:

Basalinsulinwert Hufrehe-Risiko
Unter 21,6 µIU/ml6 %
21,6 – 45,2 µIU/ml22 %
Über 45,2 µIU/ml69 %

Ein Insulinspiegel über 45 µIU/ml bedeutet also ein Hufrehe-Risiko von fast 70 %. Die gute Nachricht ist, dass sich der Insulinwert durch Fütterung, Bewegung und Management beeinflussen lässt.

Darf ein EMS-Pferd auf die Weide?

Bei bestätigtem EMS mit erhöhtem Insulinspiegel: In der Regel nein. Und das gilt auch dann, wenn du vorsichtig anweidest. Das langsame Anweiden schützt das EMS-Pferd nicht vor Hufrehe. Langsames Anweiden ist sinnvoll für die Darmflora – es reduziert das Risiko von Kotwasser und Kolik. Aber es verändert nichts an der Tatsache, dass ein insulinresistentes Pferd auf frischem Gras einen starken Insulinanstieg erlebt. Und genau dieser Insulinanstieg ist das Problem.

Ein grasfreier Auslauf ist für Pferde in diesem Fall kein Tierleid. Sie brauchen Bewegung, Gesellschaft, Beschäftigung – aber nicht pauschal Gras. Was wirklich Leid bedeutet, sind die Schmerzen einer Hufrehe. Die kann so gravierend sein, dass Pferde kaum noch stehen, geschweige denn laufen können.

Wenn dein Pferd übergewichtig ist, dann ist eine Abklärung (Diagnostik) der erste logische Schritt, bevor die Weidesaison in vollem Gange ist. Denn ohne Wissen über den tatsächlichen Insulinspiegel lässt sich das Risiko schlecht einschätzen.

Die Sache mit dem Fruktan — ein hartnäckiger Irrglaube

Die Idee ist: Fruktane (eine Speicherform von Zucker in Gräsern) gelangen unverdaut in den Dickdarm, destabilisieren dort die Darmflora, und lösen über Endotoxine eine Hufrehe aus. Und deshalb sollte man sich an „Fruktanampeln" orientieren – also nur dann auf die Weide gehen, wenn der Fruktangehalt im Gras niedrig ist.

Diese Theorie ist im wissenschaftlichen Konsens überholt. Es sind nicht die Fruktane allein, die bei empfindlichen Pferden Hufrehe auslösen – es sind die hydrolysierbaren Kohlenhydrate (Zucker + Stärke) insgesamt, und zwar über ihren Einfluss auf den Insulinspiegel. Studien konnten zeigen, dass Hyperinsulinämie auch ohne jedes Darmgeschehen Hufrehe auslöst. Man hat gesunden Ponys Insulin infundiert – und damit zuverlässig Hufrehe erzeugt.

Eine „grüne Fruktanampel" schützt ein EMS-Pferd in der Praxis also überhaupt nicht. Auch wenn das Fruktan-Level niedrig ist, kann das Gras genug lösliche Zucker enthalten, um den Insulinspiegel eines insulinresistenten Pferdes in kritische Höhen zu treiben.

Wann ist Gras am zuckerreichsten?

Auch wenn sich nicht alles um Fruktane dreht, lohnt es sich trotzdem zu verstehen, wann Gras besonders „belastet" im Gesamtzuckergehalt ist. Je wärmer es ist, desto mehr kann die Pflanze die gespeicherte Energie ins Wachstum stecken – der Zuckergehalt sinkt. Ist es kalt und sonnig gleichzeitig, läuft die Photosynthese weiter, aber das Wachstum stockt. Die Energie wird als Zucker gespeichert. Das erklärt, warum sonnige Tage nach Frostnächten besonders riskant sind.

Außerdem ist kurzes, abgefressenes Gras zuckerreicher als hohes. Eine abgefressene Weide ist tückischer als eine hochgewachsene, artenreiche Fläche. Gras auf einer Pferdeweide sollte mindestens 20–25 cm hoch sein – das entspricht ungefähr der Höhe einer Bierflasche. Auch Trockenheit erhöht den Zuckergehalt, weil die Pflanze bei Wassermangel die Energie nicht für Wachstum nutzen kann.

Was du jetzt konkret tun kannst

Schritt 1: Risiko einschätzen

Bevor du irgendetwas änderst, ist es sinnvoll, den Ist-Zustand deines Pferdes zu kennen:

Schritt 2: Diagnostik klären

Wenn du den Verdacht hast, dass bei deinem Pferd ein Insulinstoffwechselproblem vorliegt, ist ein Blutbild der nächste Schritt. Idealerweise noch vor der Weidesaison, denn dann kannst du informierte Entscheidungen treffen.

Wichtige Parameter sind:

Damit die Werte verlässlich sind, gilt: kein Stress vor der Blutabnahme, eine definierte Fütterungspause von Kraftfutter in der Nacht davor (Zugang zu Heu ist okay), die Probe fachgerecht lagern und rasch zum Labor schicken.

Schritt 3: Weide anpassen oder pausieren

Je nach Ergebnis ergeben sich unterschiedliche Konsequenzen:

Bestätigtes erhöhtes Insulin: Kein Weidegang auf Gras, solange der Insulinspiegel nicht durch konsequentes Management gesenkt wurde. Grasfreier Auslauf mit Beschäftigung (Knabberäste, Stroh als Raufutter, Schnüffelmöglichkeiten) ist aber sehr wohl möglich und sinnvoll.

Übergewicht ohne bestätigtes EMS: Weidegang einschränken und bewusst gegensteuern.

Weideentzug allein löst das Problem allerdings nicht. Es geht darum, die Ursache – das Übergewicht und die Insulinresistenz – langfristig anzugehen.

Schritt 4: Abnehmen — realistisch und pferdefreundlich

Es ist leider unbequem, aber extrem wichtig: Abnehmen dauert beim Pferd lang.

1.000 g Körperfett entsprechen beim Pferd rund 7.500 kcal. Eine gesunde, tierfreundliche Abnahme liegt beim Großpferd bei maximal 200 g pro Tag, beim kleinen Pony bei maximal 100 g pro Tag. Bei 100 kg Übergewicht bedeutet das eine Abnahmezeit von fast zwei Jahren. Wer versucht, das schneller zu erreichen, gefährdet das Tier – zu rascher Fettabbau belastet Leber und Nieren erheblich und kann eine lebensbedrohliche Hyperlipidämie (gefährlich erhöhte Blutfettwerte) auslösen, besonders bei Eseln und Ponys.

Gewichtsreduktion kann aber sehr wohl pferdefreundlich gestaltet werden:

Und wenn das Pferd wirklich nachhaltig gut gemanaged ist – Gewicht runter, Blutbild wieder im grünen Bereich – dann kann auch wieder ein vorsichtiger, zeitlich begrenzter Weidegang auf einer geeigneten Weide möglich werden. Gras muss nicht für immer vom Speiseplan verschwinden. Aber es sollte nicht die einzige Quelle von Freude im Pferdeleben sein.

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