Wer ein Pferd mit Hufrehe-Risiko oder Equinem Metabolischen Syndrom (EMS) hat, muss ganz besonders penibel auf den Zuckergehalt im Heu achten. Oft wird empfohlen, das Heu dafür zu wässern oder zu bedampfen. Beide Methoden haben jedoch ganz unterschiedliche Stärken und führen zu unterschiedlichen Folgeproblemen.
Grenzwerte für Zucker im Heu bei Hufrehe und EMS
Der relevante Grenzwert lautet: ESC + Stärke unter 10 % auf Frischmasse-Basis.[1] ESC steht für ethanol-lösliche Kohlenhydrate, also die einfachen Zucker, die im Dünndarm resorbiert werden und die Insulinausschüttung direkt antreiben. Fructan gehört nicht dazu, da es zwar wasserlöslich ist, im Dünndarm aber nicht aufgenommen wird und kaum Auswirkungen auf die Insulinantwort hat.
Eine Heuanalyse, die ESC ausweist (meist unter „Gesamtzucker"), ist Voraussetzung für zielführendes Management.
Zuckerreduktion durch Wässern: Die Studienlage
Wässern funktioniert nach einem einfachen Prinzip: Wasserlösliche Kohlenhydrate gehen vom Heu ins Einweichwasser über. Das Problem ist jedoch, dass die Effizienz sehr schwer einzuschätzen ist.
In einer Studie wurden britische Heuproben mit einem Zuckergehalt von 12,3–23 % bis zu 16 Stunden in Wasser von etwa 8 °C eingeweicht. Die mittlere Reduktion der wasserlöslichen Kohlenhydrate lag bei 27 %, die Streubreite reichte von 6 bis 54 %.[2] Die Empfehlung, 30 Minuten in warmem oder 60 Minuten in kaltem Wasser einzuweichen, gilt als Standardprotokoll, aber das Ergebnis ist individuell und nicht vorhersehbar.
Das Problem für die Praxis ist, dass man zum Beispiel bei einem Heu mit 14 % Gesamtzucker nach 60 Minuten Wässern bei 10–12 % landet. Genauer weiß man es nicht. Das einzige, das wirklich Aufschluss gibt, ist eine erneute Analyse von bereits gewässertem Heu, im Vergleich zum Ursprungszustand.
Außerdem geht nicht nur Zucker dabei ins Wasser über. Eine andere Studie zeigte, dass bereits nach 15 Minuten Einweichen Rohprotein um bis zu 17 % und Aminosäuren um bis zu 35 % sinken, die metabolisierbare Energie reduziert sich um 5–15 %.[3] Längeres Einweichen verbessert die Zuckerreduktion kaum noch, die Nährstoffverluste steigen aber weiter. Phosphor, Magnesium und Kalium werden ebenfalls ausgewaschen, nachweisbar bereits ab sehr kurzen Einweichzeiten.[4]
Parallel dazu steigt die Keimbelastung: Schon nach 10 Minuten Einweichen nimmt der Bakteriengehalt im Heu nachweislich zu.[5] Eingeweichtes Heu muss deshalb sofort verfüttert werden.
Diese Effekte wurden in verschiedenen Studien gemessen:
- Ab 10 Minuten: Bakteriengehalt steigt nachweislich
- Ab 15 Minuten: Rohprotein sinkt um bis zu 17 %, Aminosäuren um bis zu 35 %, ME um 5–15 %, Phosphor / Magnesium / Kalium messbar reduziert
- 30 Min. warm / 60 Min. kalt: Standardprotokoll für Zuckerreduktion
- Über 60 Minuten: Kaum zusätzliche Zuckerreduktion, aber weiter steigende Nährstoffverluste
- Bis 16 Stunden: Mittlere WSC-Reduktion 27 %, Streubreite 6–54 %
Wässern ist eine sinnvolle Notmaßnahme, wenn der Zuckergehalt moderat überhöht ist und kein geeigneteres Heu verfügbar ist. Als Dauerlösung taugt es nur, wenn man die Mineralversorgung neu berechnet und exakt bilanziert, denn die Nährstoffverluste sind hoch, und die Analyse, auf der die ursprüngliche Ration basiert, gilt nach dem Wässern nicht mehr. Dabei brauchen gerade Pferde im akuten Hufreheschub oder in der Rekonvaleszenz wichtige Nährstoffe, um den Stoffwechsel zu heilen und gesundes Hufhorn nachbilden zu können.
Individuelle Futterberatung
Wenn du ein hufrehegefährdetes oder an EMS erkranktes Pferd hast und Hilfe dabei brauchst, mit zu zuckerreichem Heu umzugehen, melde dich gerne für eine individuelle Futterberatung. Ich helfe dir, eine passende Strategie zu finden.
Bedampfen reduziert Keime, aber kaum Zucker
Bedampfen erhitzt das Heu auf etwa 80–100 °C. Schimmelpilze, Bakterien, Hefen und Milben werden dabei abgetötet und lungengängige Partikel gebunden. Für Pferde mit Atemwegserkrankungen oder mikrobiologisch belasteter Heuqualität kann Bedampfen sehr effektiv sein.
Für die Zuckerreduktion bei EMS oder Hufrehe hilft es weniger gut. Studien zeigen, dass Bedampfen die wasserlöslichen Kohlenhydrate um lediglich 0–18 % reduziert, mit ähnlich hoher Variabilität wie beim Wässern, aber deutlich geringerem Effekt.[6] Der Mechanismus ist ein anderer als beim Einweichen: Zucker wird nicht ausgewaschen, sondern es werden Kohlenhydratstrukturen thermisch verändert. Der Effekt ist messbar geringer.
Übrigens: Schimmelbelastetes Heu bleibt auch nach dem Bedampfen toxisch, weil zwar Pilze abgetötet, aber keine bereits gebildeten Mykotoxine entfernt werden. Mineralstoffe bleiben beim Bedampfen dagegen weitgehend erhalten, und bedampftes Heu ist bis zu 24 Stunden lagerstabil. Dafür sinkt die Proteinverdaulichkeit, da Hitze auch die Proteinstrukturen verändert.
Nährstoffverluste durch Wässern und wie man sie ausgleicht
Sowohl Wässern als auch Bedampfen verändert die Nährstoffzusammensetzung des Heus dauerhaft. Beim Wässern sinkt der Zucker auf ein nicht vorhersehbares Level. Dafür sinken Protein und Mineralstoffe ebenfalls — all das sind sehr essentielle Bestandteile einer bedarfsgerechten Ration, die nach dem Wässern fehlen. Rutscht das Pferd in einen Protein- oder Mineralstoffmangel, sind Folgeprobleme mit Haut, Haaren, Hufqualität, Muskulatur, Immunsystem und zahlreichen Stoffwechselprozessen leider vorprogrammiert. Bei dauerhaftem Wässern empfiehlt sich daher eine genaue Rationsberechnung und ggf. gezielte Ergänzung fehlender Nährstoffe. Ohne Rationsanpassung löst man zwar ein Problem, schafft aber möglicherweise ein neues.
Grenzen des Wässerns
Wenn der ESC + Stärke-Ausgangswert deutlich über dem Grenzwert liegt, also zum Beispiel 15 % FM aufwärts, ist Wässern keine verlässliche Lösung. Die Reduktion ist zu variabel, um sicher unter 10 % zu kommen. In dem Fall muss man wohl oder übel das Heu wechseln, die Ration mit Stroh strecken, oder anderweitig kreativ werden, um die Gesamtzuckeraufnahme zu senken.
Quellen
- Equine Endocrinology Group (EEG): Recommendations for the Diagnosis and Treatment of Equine Metabolic Syndrome. Oktober 2024. https://idppid.com
- Longland AC, Barfoot C, Harris PA: Effects of soaking on the water-soluble carbohydrate and crude protein content of hay. Veterinary Record 168(23), 2011.
- Bochnia M, Pietsch C, Wensch-Dorendorf M, Greef M, Zeyner A: Effect of hay soaking duration on metabolizable energy, macronutrients, and trace elements. Journal of Equine Veterinary Science 101, 2021.
- Martinson K et al.: The Effect of Soaking on Protein and Mineral Loss in Orchardgrass and Alfalfa Hay. Journal of Equine Veterinary Science, University of Minnesota.
- Moore-Colyer MJS et al.: The Effect of Five Different Wetting Treatments on the Nutrient Content and Microbial Concentration in Hay for Horses. PLoS ONE 9(11), 2014.
- Referenzwerte aus: Longland AC, Harris PA (WSC-Reduktion durch Bedampfen); vgl. auch Studienzusammenfassung bei Mad Barn (madbarn.ca), zuletzt aktualisiert Mai 2026.