Kurze Antwort: Nein – Gesamtzucker und Fruktan aus der Heuanalyse einfach zu addieren ergibt in den meisten Fällen keinen sinnvollen Wert. Die beiden Substanzen wirken völlig unterschiedlich auf den Stoffwechsel deines Pferdes. Was wirklich zählt, ist die Summe aus Zucker (ESC) + Stärke.

Was ist eigentlich „Zucker" in der Heuanalyse?

Wenn du eine Heuanalyse in Auftrag gibst, wirst du auf Bezeichnungen wie „Zucker", „Gesamtzucker", WSC (wasserlösliche Kohlenhydrate) oder ESC (ethanollösliche Kohlenhydrate) stoßen. Diese Begriffe klingen ähnlich, messen aber unterschiedliche Dinge:

In österreichischen bzw. deutschen Laborbefunden wird oft „Zucker" oder „Gesamtzucker" ausgewiesen – dabei handelt es sich je nach Labor meistens um ESC, mangels standardisiertem Vorgehen muss es aber nicht unbedingt so sein. Im Zweifel unbedingt beim Labor nachfragen, was genau gemessen wurde.

Was ist Fruktan – und warum ist es kein Zucker?

Fruktane sind langkettige Kohlenhydrate (Polysaccharide), die aus vielen aneinandergereihten Fructosemolekülen bestehen. Sie entstehen in Pflanzen als Reaktion auf Stress – Kälte, Trockenheit und helles Licht fördern die Fruktanbildung. Gras speichert Fruktane vor allem im unteren Halmbereich.

Der entscheidende Unterschied zu echten Zuckern: Pferde können Fruktane nicht im Dünndarm verdauen. Stattdessen wandern sie unverdaut in den Dickdarm, wo sie von Mikroorganismen fermentiert werden.

Das hat zwei wichtige Konsequenzen:

  1. Fruktane erhöhen den Blutzucker- und Insulinspiegel praktisch nicht. Weil sie gar nicht im Dünndarm aufgenommen werden, haben sie keinen direkten Einfluss auf die Insulinausschüttung.
  2. Fruktane können in sehr großen Mengen die Darmflora belasten – aber nur wenn plötzlich extrem viel auf einmal in den Dickdarm gelangt. Das ist unter normalen Fütterungsbedingungen mit Heu kaum möglich.

Warum Zucker + Fruktan addieren irreführend ist

In Pferdeforen liest man häufig die Empfehlung, bei der Heuanalyse „Zucker + Fruktan" zu addieren und unter 10 % zu bleiben. Das klingt auf den ersten Blick logisch – ist es aber nicht, und zwar aus diesem Grund: Einfachzucker und Fruktane werden komplett unterschiedlich verdaut. Das einfache Addieren dieser Werte ergibt biochemisch keinen sinnvollen Wert. Es ist ein bisschen so, als würde man Ballaststoffe zu den Kalorien zählen, weil beides im Essen vorkommt.

Woher kommt der Irrtum?

Er hat seinen Ursprung in Experimenten aus den frühen 2000er Jahren, bei denen gesunden Pferden über eine Magensonde sehr große Mengen reines Fruktan verabreicht wurden – und damit tatsächlich eine Hufrehe ausgelöst wurde. Diese Vergiftungsrehe entstand durch ein extremes Ungleichgewicht der Darmflora. Solche Mengen kann ein Pferd über normale Futteraufnahme nie in so kurzer Zeit aufnehmen. Die Wissenschaft hat diesen Mechanismus seitdem klar eingeordnet: Bei der reinen Fruktan-induzierten Hufrehe handelt es sich um eine Sonderform unter künstlichen Bedingungen, nicht um das typische Hufrehe-Geschehen.

Was bedeutet das für EMS- und Hufrehe-Pferde?

Die überwiegende Mehrheit aller Hufrehefälle bei Pferden mit Weidegang oder Übergewicht ist endokrine Hufrehe – ausgelöst durch dauerhaft erhöhte Insulinwerte. Und Insulin wird nun mal nicht durch Fruktane erhöht, sondern durch einfache Zucker und Stärke.

Das bedeutet konkret:

Der richtige Richtwert: ESC + Stärke unter 10 %

Der wissenschaftlich fundierte Richtwert für Heu bei EMS- und Hufrehe-gefährdeten Pferden lautet:

ESC + Stärke < 10 % der Frischmasse

Einige besonders sensitive Pferde profitieren von einem niedrigeren Zielwert von unter 6 %.

Heuanalyse: Welche Werte wirklich wichtig sind

Für den Zuckergehalt:

Weitere wichtige Werte:

Welches Labor Fruktan im Grundpaket enthält und was eine vollständige Heuanalyse kostet, zeigt dieser Laborvergleich für Österreich.

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