Ich bin Futterberaterin, keine Tierärztin. Dieser Artikel stellt deshalb keine Empfehlung für oder gegen den Einsatz von Medikamenten bei Pferden dar. Steglatro ist als Medikament nicht für Pferde zugelassen und kann daher nur von der behandelnden Tierärztin oder dem behandelnden Tierarzt off-label eingesetzt werden. Ich schreibe diesen Beitrag, weil es genau aus diesem Grund noch wenig fundierte Information dazu online gibt. Gleichzeitig sehe ich, wie Steglatro immer öfter bei Pferden eingesetzt wird, und auch in meinem Umfeld gibt es Pferde, für die diese Therapie lebensrettend war. Das Thema ist also reichlich ambivalent, und genau das versucht dieser Artikel abzubilden.
Wer ein Pferd mit Insulinresistenz oder equinem metabolischem Syndrom (EMS) betreut, kennt meist das Standardprozedere: Man hat das Heu analysiert, den Zuckergehalt optimiert, Übergewicht reduziert, Bewegung erhöht. Und trotzdem bleibt der Insulinspiegel erhöht. Dazu taucht in letzter Zeit immer öfter ein Begriff auf, der aus der Humanmedizin kommt: SGLT2-Inhibitoren, allen voran die Wirkstoffe Ertugliflozin (Handelsname Steglatro) und Canagliflozin (Invokana).
Was steckt hinter diesem Medikament, wie wird es beim Pferd eingesetzt, und was sollte man als betroffene*r Pferdebesitzer*in darüber wissen?
SGLT2-Inhibitor Ertugliflozin (Steglatro): Wie das Medikament wirkt
SGLT2 steht für Sodium-Glucose Cotransporter 2, einen Transporter in der Niere, der normalerweise rund 90 % der filtrierten Glukose aus dem Urin zurück ins Blut holt. SGLT2-Inhibitoren, auch Gliflozine genannt, blockieren genau das. Dadurch wird Glukose vermehrt über den Urin ausgeschieden, der Blutzucker sinkt, und in der Folge auch der Insulinspiegel.
Beim Menschen sind diese Medikamente seit mehr als zehn Jahren als Antidiabetika zugelassen. Canagliflozin (Invokana), Ertugliflozin (Steglatro), Dapagliflozin und Empagliflozin sind in Deutschland, Österreich und der Schweiz verschreibungspflichtige Humanarzneimittel. Velagliflozin wurde spezifisch für Veterinärzwecke entwickelt und ist seit Kurzem für Katzen zugelassen, aber nicht für Pferde.
Für Pferde gibt es kein einziges zugelassenes Präparat aus dieser Wirkstoffklasse. Jede Anwendung beim Pferd ist damit eine Umwidmung (off-label use) und erfordert zwingend eine tierärztliche Verschreibung. In der Praxis hat sich vor allem Ertugliflozin durchgesetzt.
Warum der Wirkmechanismus beim Pferd anders ist als beim Menschen
Beim menschlichen Typ-2-Diabetiker ist der Blutzucker erhöht. Die Glukoseausscheidung über den Urin senkt diesen unmittelbar. Beim Pferd mit Insulindysregulation ist die Ausgangslage aber anders: Die meisten betroffenen Pferde haben normale Blutzuckerwerte, aber einen erhöhten Insulinspiegel. Warum die Gliflozine bei normoglykämischen Pferden trotzdem den Insulinspiegel senken, ist wissenschaftlich nicht vollständig geklärt. Eine Erklärung ist, dass durch die verringerte Glukose-Rückresorption weniger Insulin zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichts gebraucht wird. Außerdem scheinen die Medikamente die erhöhte Empfindlichkeit der Bauchspeicheldrüse auf Zucker zu reduzieren, die bei Pferden mit Insulindysregulation nachgewiesen wurde.[1]
Was die Studien zeigen
Die Studienlage ist ziemlich jung. Die erste relevante Studie zu Velagliflozin beim Pferd stammt aus dem Jahr 2018.
Den Anfang machten Studien mit Ponys: In einer kontrollierten Studie bekamen Ponys mit Insulindysregulation eine stark kohlenhydratreiche Diät. Die mit Velagliflozin behandelten Tiere entwickelten keine Hufrehe, während 36 % der unbehandelten Kontrolltiere unter derselben Diät an Hufrehe erkrankten. Die Insulinantwort auf diese Fütterung war unter Medikation deutlich geringer.[2]
In einer Fallserie wurden zehn Pferde mit refraktärer Hyperinsulinämie und Hufrehe mit Canagliflozin behandelt, alle hatten auf Diätmanagement, Metformin und Levothyroxin nicht ausreichend angesprochen. Der Insulinspiegel normalisierte sich, die Lahmheit verbesserte sich bei allen Tieren, bei mehreren bildeten sich abnormale Fettdepots zurück.[3]
Die bislang größte klinische Fallserie umfasste 51 Pferde mit Hufrehe und Hyperinsulinämie, behandelt mit Ertugliflozin. Der mediane Insulinspiegel sank von über 300 µU/ml auf 43 µU/ml. Die Lahmheitswerte verbesserten sich von median 10 auf 1 (auf einer 12-Punkte-Skala).[4]
Die erste placebokontrollierte klinische Studie mit Velagliflozin, die sowohl Pferde als auch Ponys einschloss, wurde 2025 veröffentlicht und bestätigt die Befunde der Fallserien.[5]
Dass Ertugliflozin auch die Hyperinsulinämie nach intraartikulären Kortikosteroidgaben abmildert — ein klinisch relevantes Problem, da gelenksinterne Kortisoide Hufrehe auslösen können — wurde 2026 erstmals publiziert.[8,9]
Parallel dazu befragte eine Querschnittsstudie 340 Pferdebesitzer*innen zu ihren Erfahrungen. Fast 48 % der Besitzer hatten keine Bedenken gegenüber der Behandlung und berichteten über Verbesserungen der Lebensqualität der Pferde.[6]
Individuelle Futterberatung
Wenn du ein Pferd mit EMS oder Insulindysregulation hast und nicht weiterkommst, ist eine individuelle Futterberatung oft der sinnvollere erste Schritt. Ich unterstütze dich gerne dabei, eine geeignete Strategie für dein Pferd zu finden.
Risiken und Nebenwirkungen
Die positiven Studienergebnisse dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass SGLT2-Inhibitoren beim Pferd Nebenwirkungen zeigen, die gravierend sein können.
Hypertriglyzeridämie. Das ist der am häufigsten dokumentierte und klinisch bedenklichste Effekt. In einer Fallserie hatten nach 30 Tagen Behandlung 21 % der Pferde Triglyzeridwerte über 2,0 mmol/l, einzelne Tiere erreichten bis zu 10,8 mmol/l.[7] Triglyzeridwerte in diesem Bereich können zu Organverfettung und Appetitverlust führen. Regelmäßige Blutkontrollen sind daher essentiell.
Polyurie und Polydipsie. Weil Glukose über den Urin ausgeschieden wird, trinken und urinieren betroffene Pferde mehr. In der großen Ertugliflozin-Fallserie wurde das bei 19 % der Pferde beobachtet. Der zuckerhaltige Urin klebt außerdem bei Stuten an Hinterbeinen und Schweif und erhöht das Risiko für Harnwegsinfektionen.
Unklare Heumengenvorgaben. Weil die Niere Glukose ausscheidet, braucht das Pferd ausreichend Energie aus dem Futter. Unbegrenzte Heuverfügbarkeit gilt deshalb als wichtige Begleitmaßnahme. Ein zu restriktives Heumanagement unter SGLT2i kann gefährlich werden, da Pferde dann potenziell schnell und unkontrolliert Gewicht verlieren. Die Studienlage liefert zur Fütterung unter SGLT2i-Therapie leider noch keine handfesten Richtwerte.
Unverträglichkeit mit NSAIDs. Gliflozine und nicht-steroidale Antirheumatika (Phenylbutazon, Flunixin) vertragen sich schlecht. Das schließt den Einsatz im akuten Reheschub, wo NSAIDs zur Schmerzbehandlung Standard sind, in vielen Fällen praktisch aus.
Keine Langzeitdaten. Wie das Absetzen der Medikamente zu handhaben ist, ob der Stoffwechsel nach langer Therapie stabil bleibt, ob Resistenzbildung möglich ist, und was bei kombinierter PPID-Diagnose langfristig passiert, ist derzeit noch weitgehend ungeklärt.
SGLT2-Inhibitoren beheben nicht die Ursache der Insulindysregulation. Übergewicht, dauerhafter Stress, Dauerschmerzen, hormonelle Dysbalancen und falsche Fütterung bleiben bestehen, wenn man sie nicht separat angeht. Wer ein EMS-Pferd mit Gliflozinen behandelt, ohne das Fütterungsmanagement zu optimieren, verschiebt im Prinzip nur das Problem. Die Forschungsliteratur selbst beschreibt SGLT2-Inhibitoren als Ultima-Ratio-Medikation für Fälle, in denen andere Maßnahmen nicht ausreichen. In der Praxis wird sich erst zeigen, ob das auch so ernst genommen wird.
Fazit
SGLT2-Inhibitoren sind ein echter Fortschritt für jene Pferde, deren Insulinspiegel trotz konsequentem Fütterungsmanagement nicht normalisierbar ist. Die Wirksamkeit bei refraktärer Hyperinsulinämie ist durch Fallserien gut belegt.
Dennoch sind alle Präparate beim Pferd off-label. Die Dosierungen sind aus der Humanmedizin abgeleitet, die Langzeitwirkung ist unbekannt. Einige Nebenwirkungen sind potenziell gefährlich und erfordern engmaschiges Monitoring unter kompetenter veterinärmedizinischer Begleitung.
Quellen
- Lilliehöök I, Fjordbakk CT, Gerber V, Müller B, Johansen F: Short-term effects of canagliflozin on glucose and insulin responses in insulin dysregulated horses: A randomized, placebo-controlled, double-blind study. J Vet Intern Med. 2023. PMC10658518.
- Meier A, Reiche D, de Laat M, Pollitt C, Walsh D, Sillence M: The sodium-glucose co-transporter 2 inhibitor velagliflozin reduces hyperinsulinemia and prevents laminitis in insulin-dysregulated ponies. PLoS One. 2018;13(9):e0203655.
- Kellon EM, Gustafson KM: Use of the SGLT2 inhibitor canagliflozin for control of refractory equine hyperinsulinemia and laminitis. Open Vet J. 2022;12(4):511–518.
- Sundra T, Kelty E, Rendle D: Preliminary observations on the use of ertugliflozin in the management of hyperinsulinaemia and laminitis in 51 horses: A case series. Equine Vet Educ. 2022. doi:10.1111/eve.13738
- Thane K et al.: Effects of the sodium-glucose cotransporter-2 inhibitor velagliflozin on insulin concentrations in horses with insulin dysregulation. J Vet Intern Med. 2025;39(6):jvim70256.
- Sundra T, Kelty E, Rossi G, Lester G, Rendle D: Horse owner experiences and observations with the use of SGLT2i for the management of equine metabolic syndrome and hyperinsulinaemia-associated laminitis. Equine Vet Educ. 2025;37:202–209.
- Sundra T, Knowles E, Rendle D, Kelty E, Lester G, Rossi G: Short-term clinical and biochemical responses following treatment with dapagliflozin or ertugliflozin in horses with hyperinsulinemia: A retrospective case series. Domest Anim Endocrinol. 2025;90:106894.
- Page A et al.: Effect of ertugliflozin on the insulin response to intra-articular triamcinolone in horses. Equine Vet J. Februar 2026.
- Darch S et al.: Effect of ertugliflozin on intra-articular triamcinolone-induced hyperinsulinaemia: A placebo-controlled crossover study in Standardbred geldings. Domest Anim Endocrinol. April 2026.