Was sind Rübenschnitzel eigentlich?

Rübenschnitzel sind ein Nebenprodukt der Zuckergewinnung aus Zuckerrüben. Nachdem der Zucker durch Extraktion aus den zerkleinerten Rüben gewonnen wurde, bleibt das entzuckerte Rübenmark übrig. Dieses wird getrocknet und pelletiert - fertig sind die Rübenschnitzel.

Ernährungsphysiologisch sind sie interessant, weil sie reich an hochverdaulicher Rohfaser und Pektin, aber arm an Stärke sind. Sie enthalten also hauptsächlich Kohlenhydrate, die nicht im Dünndarm, sondern im Dickdarm fermentiert werden, und damit eine grundlegend andere Energiequelle darstellen als stärkereiches Getreide wie Hafer, Gerste oder Mais.

Übrigens: Melasse ist kein billiger Industrieabfall. Ein Großteil davon landet in der Pharmaindustrie, etwa als Fermentationsgrundlage für Penicillin. Außerdem ist Melasse reich an Mengen- und Spurenelementen. Das macht die pauschale Aussage "melassiert ist schlecht" etwas differenzierter, als sie oft dargestellt wird.

Warum Stärke für Pferde ein Problem sein kann

Pferde sind evolutionär darauf ausgelegt, ihre Energie hauptsächlich aus Rohfaser zu ziehen. Hohe Stärkegehalte aus Getreide überlasten dieses System: Stärke, die im Dünndarm nicht vollständig verdaut wird, gelangt in den Dickdarm, fermentiert dort und kann die Darmflora aus dem Gleichgewicht bringen, mit möglichen Folgen wie Magengeschwüren, Koliken oder Hufrehe. Die allgemein empfohlene Obergrenze liegt bei maximal 2 g Stärke pro kg Körpermasse pro Mahlzeit. Dieser Richtwert wird im Leistungsbereich sehr häufig überschritten.

Eine Studie von Grimm et al. (2021) hat untersucht, was passiert, wenn man bei Sportpferden einen Teil des Getreides durch Rübenschnitzel ersetzt. Das Ergebnis: Die Darmflora war gesünder, die Anzahl zelluloseverdauender Bakterien höher, und die Konzentration kurzkettiger Fettsäuren im Dickdarm (die primäre Energiequelle des Pferdes) signifikant erhöht. Rübenschnitzel können also dazu beitragen, Dickdarmdysbiosen zu begrenzen, ohne die Energieversorgung zu kompromittieren [1].

In diesem Zusammenhang ist eine schwedische Studie von Ringmark et al. (2017) interessant, die gezeigt hat, dass selbst Standardbred-Rennpferde im vollen Trainings- und Wettkampfbetrieb mit einer reinen Raufutterration ernährt werden konnten. Der entscheidende Faktor war nicht das Kraftfutter, sondern die Energiedichte des Heus [2]. Es lohnt sich also immer, zuerst das Heu zu optimieren, bevor man Kraftfutter ergänzt.

Wann sind Rübenschnitzel sinnvoll?

Rübenschnitzel machen vor allem dann Sinn, wenn man einem Pferd Energie zuführen möchte, ohne den Stärkegehalt der Ration zu erhöhen. Das ist in einigen Situationen besonders relevant:

  • Pferde, die zunehmen sollen, ohne "durchzudrehen": Rübenschnitzel liefern Energie über Faserverdauung statt über Stärke. Das vermeidet den Insulinpeak nach dem Fressen und die damit verbundene Unruhe, die manche Pferde bei der Getreidefütterung zeigen.

  • Sportpferde mit erhöhtem Energiebedarf, für die Heu allein nicht ausreicht: Rübenschnitzel sind hier eine stärkeärmere Alternative zu Getreide. Je nach Hersteller liefert 1 kg Rübenschnitzel energetisch in etwa 1 kg Hafer, aber mit günstigeren Auswirkungen auf die Verdauung.

  • Ältere Pferde mit Zahnproblemen: Eingeweichte Rübenschnitzel sind weich, gut verdaulich und werden in der Regel problemlos angenommen. Sie eignen sich außerdem gut als Träger für Mineralfutter und Supplemente.

  • Mäkelige Fresser: Rübenschnitzel werden von den meisten Pferden gerne genommen, besonders wenn sie mit warmem Wasser aufgequollen werden.

Rübenschnitzel und Hufrehe

Rübenschnitzel gelten grundsätzlich als stärkearmes Futtermittel und werden deshalb häufig als sicher für Hufrehe-Pferde eingestuft. Das stimmt allerdings nur teilweise: Man kann aber nicht einfach davon ausgehen, dass "unmelassiert" automatisch bedeutet, dass der Zuckergehalt niedrig ist. Insgesamt sind Rübenschnitzel eher ein hochkalorisches Futtermittel, welches sich zum Auffüttern bei Untergewicht eignet. Bei Pferden mit EMS, Insulinresistenz oder Hufrehe muss die Ration penibel genau bilanziert werden.

Der Mythos "unmelassiert"

Häufig werden Rübenschnitzel vom Hersteller als “unmelassiert” angepriesen. So wird der Eindruck erweckt, das Produkt wäre besonders gesund. Achtung: “unmelassiert” bedeutet lediglich, dass kein zusätzlicher Zucker (in Form von Melasse) dem Produkt zugeführt wurde! Die Zuckerrübe selbst beinhaltet jedoch, wie der Name schon sagt, bereits von Natur aus einen gewissen Zuckeranteil. Dieser ist sorten- und ernteabhängig, und extrem variabel. Der natürliche Zuckergehalt kann in etwa zwischen 5 und 20% liegen. Somit ist nicht sichergestellt, dass unmelassierte Rübenschnitzel in Summe automatisch einen geringeren Zuckergehalt haben, als melassierte! Im Gegenteil: unabhängige Messungen haben gezeigt, dass nicht nur das gleiche Produkt eines Herstellers in verschiedenen Chargen bereits enorm im Zuckergehalt schwankt. Sondern als “unmelassiert” beworbene Produkte zeigten oft einen deutlich höheren Zuckergehalt, als andere Produkte.

Wie viel Rübenschnitzel sind sinnvoll?

Als Orientierung haben sich in der Praxis 200 bis 500 g im Trockengewicht pro Pferd und Tag bewährt, aufgeteilt auf zwei Mahlzeiten. Bei sportlich stark beanspruchten Pferden, die tatsächlich aufgefüttert werden sollen, können die Mengen angepasst werden, aber das gehört dann in den Kontext einer vollständigen Rationsberechnung.

Relevant bei größeren Mengen ab ca. 1–2 kg täglich: Rübenschnitzel sind calciumreich und phosphorarm. Das Calcium-Phosphor-Verhältnis der Gesamtration sollte dann im Blick behalten werden.

Rübenschnitzel richtig zubereiten

Rübenschnitzel müssen vor der Fütterung eingeweicht werden. Trocken gefüttert können sie im Verdauungstrakt aufquellen und zu Koliken führen. Das Einweichverhältnis beträgt etwa 1 Teil Rübenschnitzel zu 4 Teilen Wasser.

Die Einweichzeit hängt von der Form ab: Lose Schnitzel benötigen mindestens 4–6 Stunden, Pellets mindestens 8–12 Stunden (so lange, bis keine harten Brocken mehr spürbar sind). Im Sommer gilt: Eingeweichte Rübenschnitzel können schnell gären, deshalb immer frisch zubereiten und Reste entfernen. Mäkelige Pferde nehmen Rübenschnitzel oft besser an, wenn man sie mit warmem Wasser aufgießt.

Rübenschnitzel und Hufgesundheit

Die Qualität des Hufhorns hängt direkt von der Nährstoffversorgung ab, und die Nährstoffversorgung hängt maßgeblich davon ab, wie gut der Darm funktioniert. Ein Dickdarm, der durch Stärkeüberlastung oder Dysbiose aus dem Gleichgewicht geraten ist, verwertet selbst ein gut zusammengestelltes Futter schlechter.

Rübenschnitzel unterstützen die Darmgesundheit über ihren Rohfaser- und Pektingehalt. Für gute Hufqualität braucht es aber letztendlich eine bedarfsgerechte Versorgung mit allen Nährstoffen, die gezielt über die Gesamtration abgedeckt werden müssen.

Welche Nährstoffe das im Detail sind, wie man überprüft, ob die eigene Ration das abdeckt, und wann welche Futtermittel für Hufe überhaupt sinnvoll sind, erkläre ich dir in meinem Onlinekurs Hufe gesund füttern".

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Häufige Fragen zu Rübenschnitzeln

Sind Rübenschnitzel für Pferde mit Hufrehe geeignet? Das hängt vom Produkt ab. Rübenschnitzel mit nachweislich niedrigem Zuckergehalt könnten geeignet sein. Es handelt sich jedoch um ein hochkalorisches Futtermittel. Nicht einfach davon ausgehen, dass "unmelassiert" automatisch sicher ist.

Müssen Rübenschnitzel eingeweicht werden? Ja. Trocken gefütterte Rübenschnitzel können im Verdauungstrakt aufquellen und zu Koliken führen. Mindestens 4–6 Stunden in der 4-fachen Menge Wasser einweichen, Pellets länger. Eingeweichte Rübenschnitzel immer frisch verfüttern.

Wie viel Rübenschnitzel darf mein Pferd bekommen? Als Richtwert gelten 200–500 g Trockengewicht pro Tag, aufgeteilt auf zwei Mahlzeiten. Bei größeren Mengen sollte die Gesamtration bilanziert werden, besonders in Bezug auf das Calcium-Phosphor-Verhältnis.

Was bedeutet "unmelassiert" wirklich? Nur, dass nach der Produktion keine zusätzliche Melasse beigefügt wurde, und nicht, dass das Produkt zuckerarm ist. Der tatsächliche Zuckergehalt variiert erheblich und sollte immer anhand der Deklaration auf dem Futtersack beurteilt werden.

Können Rübenschnitzel Hafer ersetzen? Energetisch weitgehend ja, je nach Produkt. Aber Rübenschnitzel sind eiweißärmer und haben ein anderes Mineralstoff-Profil. Einfach eins-zu-eins austauschen ohne Rationsanpassung ist nicht empfehlenswert.

Sind Rübenschnitzel für alte Pferde geeignet? Ja, eingeweichte Rübenschnitzel eignen sich gut für ältere Pferde mit Zahnproblemen, da sie weich, gut verdaulich, und als Träger für Mineralfutter praktisch sind.

Literatur:

[1] Ringmark S., Revold T., Jansson A. (2017) Effects of training distance on feed intake, growth, body condition and muscle glycogen content in young Standardbred horses fed a forage-only diet. Animal 2017 Oct;11(10):1718-1726

[2] Grimm P., Julliand V., Julliand S. (2021) Partial substitution of cereals with sugar beet pulp and hindgut health in horses. Journal of Equine Veterinary Science 100

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